Die Grüne Göttin
von Aleister Crowley
Bewahret mir diese dunkle Ecke, damit ich sitzen kann, während
die grüne Stunde herabgleitet. Ein stolzer Pfauentanz der Zeit. Nun bin ich nicht mehr dazu verflucht,
in dieser Stadt zu sein, in der die Zeit auf dem
kastrierten, weißen Tod reitet, ihre Sporen vor Blut rostend.
Es gibt eine Ecke der Vereinigten Staaten, die er übersehen hat. Sie
liegt in New-Orleans, zwischen Canal Street und Esplanade Avenue
unterhalb des Mississippi.
Von dort aus reicht sie nordwärts bis zu einer kuriosen
Wüstenlandschaft, wo sich ein traumhaft schöner Friedhof befindet. In
seinen flachen, kalkweißen Wänden, streift eine Wildnis seltsamer,
fantastischer Gräber unmittelbar eine große Bordell-Stadt, deren
Freuden recht zynische Nachbaren sind. Wie Felicien Rops schrieb -
oder war es Edmond d'Haraucourt? - "La Prostitution et La Mort sont
frere et soeur les fils de Dieu!" (die Prostitution und der Tod
sind Bruder und Schwester, die Kinder Gottes). Auf jeden Fall hatte der
Author von "Le Legende des Sexes" recht und ebenso die
Psychoanalytiker nach ihm, wenn sie die Mutter mit dem Grab
identifizierten. Das ist aber nur der Anfang und das Ende der Sache,
dieses "Quartier Macabre" hinter dem North Rampart
mit dem Mississippi auf der anderen Seite. Es ist wie die Kluft
zwischen unserem Leben, das fließt und befruchtet, während es schlammig
und malariös fließt, obwohl es sich eigentlich in den warmen Busen des
Golfstroms leeren sollte, den wir (in unserer Allegorie) das Leben
Gottes nennen mögen.
Aber unsere Sache liegt im Kern der Dinge, wir müssen über die rohen Natur-Phänomene hinaus gehen, wenn wir zum Geistigen gelangen wollen. Kunst ist die Seele des Lebens, und das alte Absinthe-Haus ist das Herz und die Seele des alten Viertels von New-Orleans.
Gerade hier war das Hauptquartier keines geringeren Mannes als des
berüchtigten Piraten Kapitän Lafitte, der seine Nachbarn nicht
nur beraubte, sondern sie auch gegen Invasoren verteidigte. Hier
saß auch Henry Clay, der lebte und starb, um seinen Namen einer Zigarre
zu geben. Außerhalb dieses Hauses erinnert sich kein Mensch an viel
mehr als das von ihm, doch hier drängt sich einem sein grimmiger, und,
wie ich glaube, darüber ungehaltener Geist spürbar auf.
Hier, sind auch die Marmorbassins, ausgehöhlt, und geheiligt! vom Herabtropfen des Wassers, welches durch Taufe den neuen Geist des Absinthes erzeugt.
Ich nippe erst an meinem zweiten Glas dieses "faszinierenden aber subtilen Giftes, dessen Verwüstung Herz und Gehirn der Menschen verschlingt", das ich bisher in meinem Leben probiert habe. Und, da ich kein auf schnelle Wirkung bedachter Amerikaner bin, bin ich auch weder überrascht noch enttäuscht, daß ich nicht auf der Stelle Tod umfalle. Aber ich kann die Seelen schmecken - auch ohne die Hilfe des Absinthes. Nebenbei ist gerade dies der Zauber des Absinthes. Der Geist dieses Hauses ist in ihn eingeflossen. Es ist ein Elixier, das Meisterwerk eines alten Alchemisten, kein gewöhnlicher Wein.
Und so, während ich mich mit dem Wirt über die Wertlosigkeit der Dinge unterhalte, nehme ich das Geheimnis des Wesen Gottes selbst wahr: Alles, selbst die wertloseste Sache, ist so unaussprechlich bezaubernd, daß es der Hingabe eines Gottes in aller Ewigkeit würdig ist.
Welche andere Ausrede könnte Er sonst dem Menschen für seine Erschaffung angeben? Im Wesentlichen ist das meine Antwort auf König Salomon.
Die Grenze zwischen den göttlichen und menschlichen Dingen ist dünn aber unantastbar. Der Künstler und der Bourgeois unterscheiden sich nur in einem Gesichtspunkt: "Das Haar, das Lüge und Wahrheit trennt."
Ich beobachte die Opalisierung meines Absinthes, und sie bringt mich
zum grübeln über ein sonderbares, sagenumwobenes Rätsel. Man könnte es
das Mysterium des Regenbogens nennen.
Aus dem westlichen Mystizismus wissen wir, daß der mittlere Initiations-Grad (die Verwundung des) Hodos Camelioniis (Weg des Chamäleons) genannt wird. Es gibt hier offenbar eine Vision zu eben diesem Geheimnis. Wir wissen auch, daß das mittlere Stadium in der Alchimie ist, wenn die Lösung opalisiert.
Schließlich bemerken wir unter den Visionen der Heiligen eine, die
sich Universal-Pfau nennt, in der auf diese Weise die Gesamtheit
geradezu königlich ausgeschmückt wahrgenommen wird.
Wäre es nur möglich an dieser Stelle die Scharen von Zitaten
zu versammeln. Denn sie sind wirklich wunderschön auf ihren Bannern,
glitzern doch von ihren Stiefeln und Kettenhemden unzählige Strahlen
farbenfroh und galant im Antlitz jener Sonne, die keinen Fall vom
Zenit des hohen
Mittages kennt!
Nun mußte ich so viel schreiben, um ein einziges, erbärmliches
Gedanken-Konstrukt zu erörtern: Wäre es möglich, daß in der
Opalisierung des Absinthes irgendeine
geheimnisvolle Verbindung zum Mysterium des Regenbogens existiert?
Zweifelsohne bringt man / ein Absinthe unbestimmt und unterschwellig
den
Trinker ins Hinterzimmer der Schönheit, entfacht seine Gedanken bis
zur Begeisterung, paßt seine Perspektive, soweit er dazu fähig ist,
der des Künstlers an, und webt für seine Einbildung ein Gala-Kleid, so
vielfarbig, wie der Geist der Aphrodite.
Oh Schönheit! Wie lange habe ich Euch geliebt, wie lange bin ich
Euch nachgelaufen, Ihr schwer zu fassende, Ihr schwer zu greifende! Und
siehe! Ihr
umhüllt mich Nacht und Tag mit den Armen der Anmut, des Genußes und der
schimmernden Stille.
Ein Prohibitionist muß stets eine Person ohne moralischen Charakter
sein, da er sich nicht einmal vorstellen kann, daß es Menschen gibt,
die einer Versuchung widerstehen können. Darüber hinaus, ist er wie ein
Wilder besessen durch die Furcht vor dem Unbekannten, daß
er Alkohol als einen Fetisch ansieht, der notwendigerweise
verführerisch und
tyrannisch ist.
Diese Ignoranz der menschlichen Natur bedingt eine noch gröbere Ignoranz der göttlichen Natur. Er versteht nicht, daß das Universum nur einen möglichen Zweck hat, daß beim Ablauf des Lebens, das durch die Produktion der Notwendigkeiten und des Luxusgüter bis hin zum Komfort vollendet wird, die Überbleibsel menschlicher Energie ein Ventil benötigen. Der Überschuß des Willens muß seinen Ausgang in einer Erhebung des Einzelnen zur Göttlichkeit hin finden. Und der Weg, eine solche Erhebung zu finden, ist durch Religion, Liebe und Kunst. Diese drei Dinge sind unausweichlich mit Wein verbunden, da sie Wesen des Rausches sind.
Trotz all dem empfinden wir den Prohibitionisten noch als logisch. Es ist zutreffend, daß er normalerweise vortäuscht, Religion als richtige Bestrebung der Menschheit zu akzeptieren - aber was soll das für eine Religion sein! Er hat ihr jedes Element der Ekstase oder sogar der Hingabe genommen, in seinen Händen ist sie kalt, fanatisch, grausam, und dumm geworden, eine gnadenlose und formale Sache, ohne Sympathie oder Menschlichkeit. Liebe und Kunst weist er gemeinsam zurück. Für ihn ist die einzige Bedeutung der Liebe ein mechanischer, vielleicht noch physiologischer! Prozeß, notwendig für die Beibehaltung der menschlichen Rasse. (Aber für was beibehalten?) Kunst ist für ihn ein Parasit und der Kuppler der Liebe. Er kann nicht zwischen dem Apollo Belvedere und die groben Gefühllosigkeit von bestimmten pompeianischen Fresken oder zwischen Rabelais und Elenor Glyn unterscheiden.
Was ist dann seine Ideal-Vorstellung des menschlichen Lebens? Man kann es nicht sagen. Ein so grobes Geschöpf kann keine wirklichen Ideale haben. Es gab asketische Philosophen, aber der Prohibitionist würde sich über deren Doktrinen ebenso aufregen, wie über unsere, die tatsächlich einander gar nicht so unähnlich sind, wie es zunächst erscheint. Lohn-Sklaverei und Langeweile scheinen, seine Sicht der Welt zu komplettieren.
Es gibt Spezies die nur auf Grund des Ekel-Gefühls überleben, das
sie bei einem auslösen. Man ist einfach abgeneigt mit seinem Absatz
fest auf sie zu treten, egal wie dick die eigenen Stiefel auch sein
mögen. Aber, wenn man erkennt, wie furchtbar giftig sie für die
Menschheit sind, um so mehr sie ihre Umgangsformen nachäffen, so muß
man den Mut finden, oder sogar den Brechreiz herunterschlucken. Möge
Gott uns einen Heiligen Georg schicken!
Es ist bekannt, daß alle Genies von Lastern begleitet werden. Fast immer nimmt dies die Gestalt der sexuellen Extravaganz an.
Man kann beobachten, daß bei Unzulänglichkeiten, wie in den Fällen von Carlyle und von Ruskin, mit Extravaganz zu rechnen ist. Wenigstens das Wort Abnormität trifft auf alle Fälle zu. Weiterhin sehen wir, daß sich eine sehr große Anzahl von großen Männern dem Trinken oder anderen Drogen hingegeben haben. Es gibt ganze Perioden, in denen praktisch jeder große Mann so zu bezeichnen ist, und diese Perioden sind die, in denen der heroische Geist einer Nation gestorben ist, und das Bürgertum offenbar triumphiert.
In diesem Fall ist die Ursache offensichtlich die Lebensabscheu, die dem Künstler durch die Betrachtung seines Umfelds eingeflößt wird. Er muß in eine andere Welt finden, koste es, was es wolle.
Betrachten wir das Ende des achtzehnten Jahrhunderts. In Frankreich
werden Männer der Genialität erst durch die Revolution (möglich)
gemacht.
In England unter Castlereagh, finden wir Blake, wie er sich im Mystizismus verliert und sich jeder Menschlichkeit verschließt, Shelley und Byron im Exil, Coleridge, der Zuflucht im Opium sucht, Keats, der unter dem Gewicht der Umstände zerbricht, Wordsworth, gezwungen seine Seele zu verkaufen, während der Feind, in Person von Southey und Moore, triumphierend die Macht inne hält.
Die entsprechende literarische Periode ist in Frankreich 1850 bis 1870. Hugo ist im Exil und all seine Brüder verlieren sich in Absinthe, Haschisch oder Opium.
Eine andere Erwägung ist allerdings noch wichtiger. Es gibt einige
Männer, die das Verständnis für die Stadt Gottes besitzen, aber die
Schlüssel nicht haben, oder, wenn sie sie besitzen, nicht die
Kraft haben, sie im Loch zu drehen. Solche Menschen begehren häufig
Einlaß zum Himmel mit gefälschten Zeugnissen. So wie ein
Jüngling, der, nach Liebe suchend, zu häufig auf Simulacra (den schönen
Schein) hereinfällt und Lydia umarmt, weil er denkt, sie wäre Lalage.
Aber die größten aller Männer leiden weder unter den Beschränkungen der ersten Art, noch unter den Illusionen der letzteren. Dennoch finden wir sie gleichermaßen gefangen in etwas, was man Maßlosigkeit nennen könnte. Lombroso hat dämlicher weise die Ursache hierfür im Wahnsinn gesucht, als ob ein Geisteskranker die Spitzen des Fortschritts erklimmen könnte, während die Vernunft vor dem Bergschrund (einer Art Gletscher-Spalte) zurückschreckt. Die Erklärung liegt in etwas ganz anderem. Man stelle sich den Gemütszustand von jemandem vor, der das volle Bewußtsein eines Künstlers erhält oder erreicht, man könnte sagen, das göttliche Bewußtsein.
Er fühlt sich unsagbar einsam, und er muß sich selbst abhärten, um
es aushalten zu können. Alle seines Gleichen sind seit langem
tot! Selbst wenn er jemand gleichartigen auf der Erde findet,
kann es zwischen ihnen schwerlich Kameradschaft geben, und kaum mehr
als die entfernte Höflichkeit von König zu König. Es gibt eben keine
Seelenverwandtschaft unter Genies.
Er kann sich gut damit abfinden, von der Welt verachtet zu werden.
Dennoch empfindet er quälend seine Pflicht ihr gegenüber. Eben deshalb
ist es für ihn essentiell ein Mensch zu sein.
Nun erblüht aber das göttliche Bewußtsein nicht von der
Jugend an. Die Neuheit der objektiven Welt beansprucht die Seele viele
Jahre. Und dies so lange, wie jede Illusion verschwindet, bevor die
Magie des Meisters, der er mehr und mehr wird, ihm die Kraft gibt, in
der realen Welt zu verweilen. Und damit entsteht die
schreckliche Versuchung, das Verlangen, einzutreten und zu genießen,
anstatt unter den Menschen zu verweilen, und unter ihren Illusionen zu
leiden. Da aber der alleinige Zweck der
Inkarnation solch eines Meisters war, der Menschheit zu helfen, müssen
sie ihn dazu bringen, dem Obersten zu entsagen. Es ist das Problem
dieser grausamen
Brücke des Islam, Al Sirak
die Rasierklinge schneidet den unachtsamen Fuß ab, und muß ihn noch
fest treten, sonst fällt der Reisende in den Abgrund. Ich wage
nicht im Alten Absinthe Haus für immer zu sitzen, in der
unbeschreiblichen Freude
des himmlischen Anblicks. Ich muß diesen Essay schreiben, damit die
Menschheit schließlich dazu kommt, die wahren Dinge zu verstehen. Aber
das Handeln als kreative Gottheit ist nicht genug. Die Kunst selbst ist
zu Nahe an der Realität, die eine Zeit lang vergessen werden muß.
Somit ist sein Werk auch Teil seiner Versuchung, das Genie fühlt, daß er ständig himmelwärts abgleitet. Die Gravitation der Ewigkeit zieht ihn an. Er ist wie ein Schiff, das vom Sturm hin- und her gerissen wird, vom Hafen, wo er notwendig neue Passagiere aufnehmen muß, zu den Glücklichen Inseln. Also muß er Anker auswerfen, doch der einzige Halt ist der Schlamm! Um das Gleichgewicht der Vernunft beizubehalten, ist der Künstler genötigt, die Kameradschaft mit dem gröbsten, dem übelsten der Menschheit zu suchen. So wie heute Lord Dunsany oder Augustus John, oder Teniers früher, es lieben kann, in Tavernen zu sitzen, in denen Matrosen verkehren, oder er wandert mit Zigeunern durch das Land, oder hat Affairen mit den abscheulichsten Männern und Frauen. Edward Fitzgerald würde sich einen ungebildeten Fischer suchen, um Wochen in seiner Gesellschaft zu verbringen. Verlaine machte sich Rimbaud und Bibi la Puree zu Gefährten. Shakespeare verkehrte mit den Earls von Pembroke und Southampton. Marlowe wurde tatsächlich während einer Schlägerei in einer niederen Taverne getötet. Und wenn wir die sexuellen Beziehungen betrachten, so ist es schwierig ein Genie aufzuzählen, das eine Frau oder Geliebte von wenigstems ertragbar gutem Charakter hatte. Und wenn er eine gehabt hätte, so hätte er sie sicher für ein blutsaugendes oder zänkisches Weib vernachlässigt. Eine gute Frau ist dem Himmel der Wirklichkeit zu nahe, dem er schwor zu entsagen!
Und ich nehme an, daß ich genau deshalb an der Frau Interesse finde, die gerade gekommen ist, um am Nachbartisch Platz zu nehmen. Lasset uns ihre Geschichte herausfinden, lasset uns versuchen, mit den Augen ihrer Seele zu sehen!
Sie ist eine Frau von nicht mehr als dreißig Jahren, obwohl sie
älter aussieht. Sie kommt hier in unregelmäßigen Abständen her,
einmal wöchentlich oder einmal im Monat, aber, wenn sie her kommt,
dann um sich ordentlich zu betrinken, abwechselnd mit Bier und Gin, was
die größten Experten in England für sehr wirkungsvoll halten.
Was nun ihre Geschichte betrifft, diese ist die Einfachheit in
Person. Sie wurde
einige Jahre lang von einem wohlhabenden Baumwollhändler im Luxus
gehalten, fuhr Kreuz und Quer durch Europa mit ihm und lebte in London
und Paris wie eine Königin. Dann bekam sie das Verlangen nach
Angesehenheit und Seßhaftigkeit. So heiratete sie einen Mann, der sie
in schierem Komfort halten würde. Resultat: Reue und das immer
wiederkehrende Bedürfnis, ihre Sorgen zu vergessen. Sie ist doch
'ehrbar' und angesehen, wird sie nicht müde zu wiederholen, sie ist
keine 'dieser Frauen', sondern eine verheiratete Frau, die in einer der
besseren Gegenden lebt, und sich nicht mit Kerlen rumtreibt.
Es ist nicht der Fehler der Ehe an sich, es ist der Fehler der
Menschen,
nicht die wahre Bestimmung der Ehe zu erkennen. Durch einen einzigen
Widerspruch, wird sie zu einem Triumph des Bürgertums, welches der
Hauptverfechter der Ehe ist, und die Ehe auf sein Niveau degradiert hat.
Nur ein Held ist der Ehe fähig, wie sie die Kirche versteht. Der
Ehe-Schwur ist ein Vertrag von erschreckender Feierlichkeit, ein
Bündnis
zweier Seelen gegen die Welt und gegen das Schicksal, mit Erbittung des
großen
Segens des Obersten.
Wie Frohman sagte, ist der Tod nicht das schönste aller Abenteuer,
aber unvermeidbar. Ehe ist freiwilliges Heldentum. Daß Ehe heute eher
eine Sache der Vorteilnahme geworden ist, ist der letzte Ausdruck
des kommerziellen Denkens bzw Geistes. Als ob jemand einen
Ritter-Schwur ablegte, Drachen zu bekämpfen, bevor es Drachen gab.
So ist diese arme Frau, weil sie nicht verstand, daß Angesehenheit
eine
Lüge ist, daß es die Liebe ist, die die Ehe heiligt und nicht der
Segen der Kirche oder des Staates, und weil sie Ehe als ein Asyl nahm,
anstelle eines Kreuzzugs, im Leben gescheitert,
und begehrt nun Alkohol auf Grund des gleichen, verhängnisvollen
Fehlers.
Wein ist die reife Freude, die mit Tapferkeit einhergeht und für Plagerei entlohnt. Es ist die Feder auf eines Mannes Speerspitze, ein flatternder Edelmut, auf den man sich nicht gut lehnen kann. Daher werden ihre Augen glasig vor Entsetzen, als sie verständnislos auf ihr Schicksal blickt. Nun ist sie genau mit dem konfrontiert, was sie vermeiden wollte: Sie bemerkt nicht, daß, hätte sie sich dem gestellt, es zusammen mit all den anderen Illusionen verflogen wäre. Denn die einzige Wahrhaftigkeit in diesem Universum ist Gott.
Das alte Absinthe-Haus ist kein Platz, es wird nicht von vier Wänden begrenzt. Es ist das Hauptquartier einer Armee von Philosophien. Lasset mich, von dieser düsteren Ecke aus, wehende Gedanken durch alle Lüfte aussenden, hervorragend für alle Probleme der Menschheit: So wird es immer wiederkehren, wie Noahs Taube zu seiner Arche, dieser merkwürdigen kleinen Heiligen Stätte der grünen Göttin, die ihren Platz nicht auf (dem Vulkan) Ararat fand, sondern an den Ufern des "Vaters der Gewässer".
Ah! die grüne Göttin! Was macht die Faszination aus, die sie gleichzeitig so anbetungswürdig und so furchtbar macht? Kennen Sie dieses französische Sonett "La legende de l'absinthe?" Er muß ihn sehr geliebt haben, dieser Dichter. Hier ist sein Zeugnis.
| Apollon, qui pleurait le trepas d'Hyacinthe, | Apollo, der das Hinscheiden Hyazinths beweinte, |
| Ne voulait pas ceder la victoire a la mort. | wollte den Sieg dem Tod nicht überlassen. |
| II fallait que son ame, adepte de l'essor, | Er wünschte, daß sein Geist, Eingeweihter des Fortschritts, |
| Trouvat pour la beaute une alchemie plus sainte. | zugunsten der Schönheit eine heiligere Alchemiel fände. |
| Donc de sa main celeste il epuise, il ereinte | So erschöpfte er, schändete er durch seine göttliche Hand, |
| Les dons les plus subtile de la divine Flore. | die feinsten Gaben der Göttlichen Flora. |
| Leurs corps brises souspirent une exhalaison d'or | Ihren erbrochenem Körper entfleuchte der goldene Hauch |
| Dont il nous recueillait la goutte de I'Absinthe! | aus dem er uns den Tau-Tropfen des Absinthes auffing. |
|
Aux cavernes blotties, aux palais petillants, |
In dumpfen Höhlen, wie in überschäumenden Palästen, |
| Par un, par deux, buvez ce breuvage d'aimant! | allein, zu zweien, trinket diesen Liebestrank! |
| Car c'est un sortilege, un propos de dictame, | Denn es ist ein Zauber, ein Zuspruch des Trostes, |
| Ce vin d'opale pale avortit la misere, | dieser bleiche, opaline Wein vereitelt das Elend, |
| Ourre de la beaute l'intime sanctuaire | öffnet der Schönheit innerstes Heiligtum, |
| Ensorcelle mon coeur, extasie mon ame! | verzaubert mein Herz, entzückt meine Seele! |
Was ist es, das aus dem Absinthe einen eigenen Kult macht? Die
Folgen seines Mißbrauches sind von denen anderer Genußmittel total
verschieden. Selbst in Ruin und Erniedrigung bleibt es ein anderes
Ding: Seine Opfer tragen eine gespenstische Aura mit sich herum, und
noch in ihrer ureigensten Hölle brüsten sie sich mit einem
teuflisch verdrehten Stolz, daß sie nicht wie andere Menschen seien.
Aber wir wollen den Nutzwert einer Sache nicht mit den Klagen
über die Zerstörung durch seinen Mißbrauch verrechnen. Wir verfluchen
ja auch nicht das Meer, wegen gelegentlicher Katastrophen, die unserer
Marine passieren, oder lehnen Äxte ab, weil wir mit Charles I oder
Louis XVI sympathisieren.
So wie ein paar spezielle Mucken und Risiken zum Absinthe gehören,
so aber auch Anmut, diverse Vorteile und eine Wirkung, die kein anderes
Getränk zieren.
Das Wort stammt vom griechischen apsinthion. Es bedeutet
"untrinkbar" oder, laut einiger Sachverständiger, "unheilvoll." In
jedem Fall ein merkwürdiger Widerspruch! Nein: Da der Wermut-Auszug
selbst über die menschliche Ertragbarkeit hinaus bitter ist, muß er
mit anderen Kräutern aromatisiert und abgemildert werden.
Anführer unter diesen ist die anmutige Melisse, von der der große
Paracelsus eine so hohe Meinung hatte, daß er sie in das Rezept seines Ens
Melissa Vitae aufnahm, von der er dachte, daß sie ein Lebenselixir
und ein Heiltrunk für alle Krankheiten sei, aber die durch seine Hände
nie Vollendung fand.
Dann gibt es auch noch Minze, Anis, Fenchel und Ysop, alles
geheiligte Kräuter, allen bekannt aus der Heiligen Schrift der Hebräer.
Und da ist sogar noch der heilige Majoran,
der in einem, beides ermöglicht, Keuschheit und Hingabe. Auch die
zarten
grünen
Angelikastiele fließen in dieses mystischste aller Gebräue ein. So
wie Artemisia Absinthum selbst ist auch dies eine
Pflanze der
Diana, und steuert neben Reinheit und Klarheit einen Hauch der
Verrücktheit des Mondes bei. Und vor allem gibt es den Kretanischen
Ditam, von dem die Weisen des Ostens sagen, eine einzige Pflanze habe
mehr magische Kräfte als alle Gaben aller Gärten dieser Welt. Es ist,
als ob der Urvater des Absinthes tatsächlich eine Magier-Intension
einer
Kombination aus heiligen Drogen, die die menschliche Seele reinigt,
festigt und betört, hatte.
Und es gibt keinen Zweifel, daß bei gebührendem Gebrauch dieses
Likörs solche Effekte leicht zu erzielen sind. Ein einzelnes Glas
scheint die Atmung freier zu machen, der Geist entfacht, das Herz
leidenschaftlicher, Seele und Geist gleich fähiger den großen Auftrag
zu vollführen, genau das Werk in der Welt zu tun, welches der Vater
ihnen zugedacht hat. Die Nahrung selbst verliert ihre groben
Eigenschaften in der Gegenwart von Absinthe und wird selbst zum
Manna, das Sakrament der Ernährung ohne körperliche Störung
ausübend.
Lasset den Pilger ehrfürchtig in den Schrein eintreten, und seinen
Absinthe als Abschiedstrunk trinken. Denn in der rechten Ansicht dieses
Lebens als Prüfung der Tugend liegt das Fundament jeder Perfektion in
der Philosophie. "Whatsoever ye do, whether ye eat or drink, do all to
the glory of God!" (Was auch immer Du tust, ob Du ißt oder trinkst, tu
es zum Ruhme Gottes) trifft mit einzigartiger Kraft
auf den Absintheur zu.
So soll er siegreich von der Schlacht des Lebens heimkehren, um mit
zärtlichen Küssen von einem grün-bemäntelten Erzengel empfangen zu
werden, und gekrönt vom mystischen Eisenkraut im Smaragdenen Tor zur
Goldenen Stadt Gottes.
Und nun fängt das Cafe an, sich zu füllen. Dieser kleine Raum mit
seinen grünen Holzverzierungen, seiner getäfelten Decke, seinem
abgeschliffen Boden, seinen alten Bildern, seiner ganzen zeitlosen
Atmosphäre, fängt an, einen in seinen magischen Bann zu ziehen. Hier
kommt ein neugieriges Kind, kurz und stämmig, mit einem blonden
Pferdeschwanz, mit einem vergnügten alten Mann, der aussieht, als wäre
er direkt einem Buch von Balzac entsprungen.
Stattlich und klein, mit einem heftigen Schnurrbart fast so
groß wie der Rest von ihm, wie ein richtiger spanischer Kapfhahn,
stolziert Frank, der Kellner, in seiner langen
weißen Schürze, zu ihnen mit den Gläsern des eiskalten Genußes, Grün
wie die Gletscher selbst. Er wird nach und nach mit den Musikern
bravourös aufstehen, um uns ein Lied aus dem alten Katalanien zu singen.
Die Türschwingen öffnen sich wieder. Eine langes, dunkelhaariges
Mädchen, herrlich dünn und wendig, mit Massen schwarzen Haares über
ihrem Kopf zusammengebunden, kommt herein. An ihrem Arm ist eine pralle
Frau mit begierigen Augen und einer Masse Titian-roten Haares. Sie
scheinen von der Außenwelt abgelenkt in irgendeinem fesselnden Thema
versunken, ihren Aperitif wie im Traum zu trinken.
Ich frage den Mulatto-Jungen, der an meinem Tisch wartet
(der geschmeidige und ranke schwarze Panther!) wer sie sind, aber er
weiß nur,
daß eine eine Kabarettänzerin ist, und die andere, die Besitzerin
einer Baumwoll-Plantage flußaufwärts. An einem runden Tisch in der
Mitte des Raumes
sitzt einer der Eigentümer mit einer Gruppe Freunden. Er ist kräftig,
rötlich und burschikos, die Art des Shakespear'schen "Bergwerks
Herren". Nun kommt eine Fraktion von einem halben Duzend vergnügter
Jungen und Mädchen herein.
Der alte Pianist fängt an, einen Tanz zu spielen, und auf einmal
wird das ganze Cafe in einer von der Musik harmonisierten Bewegung
eingefangen. Dennoch bleibt die unsichtbare Linie über jeder Seele
gezogen. Der Tanz stört weder die Vertiefung in die beiden, seltsamen
Frauen, noch meine Laune der Inmichgekehrtheit.
Schwarz scheint nebenbei nahezu allen Frauen gemein zu sein. Ist es
instinktiv guter Geschmack? Wenigstens dient es der Entstehung einer
gemeinsamen Ebene guten Aussehens. Die meisten amerikanischen Frauen
verderben auch die kleinste Schönheit, deren sie habhaft sind, durch
Overdressing. Hier gibt es keine Extravaganz, nichts vulgäres, keine
Paris-artigen Abendkleider mit den Lust-am-Band Straßenhüten. Noch wäre
da ein einziges Kleid, über das sich ein Quäker beschweren könnte. Man
findet hier weder die Mittelmäßigkeit noch die Unanständig- bzw
Unbescheidenheit der New Yorker Frauen, die auf ein grelles,
geschmackloses Muster zugeschnitten sind, mit dem ewigen Revuegirl
als Ideal. Ein Ideal,das sie immer erreichen,
obwohl in
der "Gesellschaft" (Gott sei Dank) nur wenige in der ersten Reihe
tanzen.
Auf meiner anderen Seite schüttelt eine prächtig stramme Maid,
zeitgemäß muskulös, gealtert nur im subtilen und bescheidenen Zauber
ihres Auftretens, ihr Antlitz stolz, grausam und sinnlich, ihre wilden
Goldlocken in heidnischem Gelächter. Ihre Stimmung fegt hindurch wie
der Wind. Was kann ihr Kavalier wohl tun, daß er sie warten läßt? Das
ist ein kleines Geheimnis, daß ich dem Leser nicht offenbaren werde, im
Gegenteil.
Ja, es war meine eigene Liebste (Nein! Nicht einmal all die
Zeitschriften können dieses lieblichste aller Worte verderben), die auf
mich wartet, bis ich mit meinen Betrachtungen zu Ende bin. Sie kommt
heimlich und leise herein, wie eine Raubkatze, setzt sich hin, und
fängt an sich zu amüsieren. Sie weiß, daß mich niemand stören darf,
bevor ich meinen Stift schließe. Wir werden zusammen in einem kleinen,
italienischen Restaurant dinieren, das von einem alten Navy-Mann
betrieben wird, der die besten Ravioli jenseits von Genua macht. Dann
werden wir durch die nassen, windigen Straßen laufen, um uns am warmen,
sub-tropischen Regen zu erfreuen. Wir werden hinunter bis zum
Mississippi gehen, die Lichter der Schiffe betrachten, und uns die
Geschichten von Reisen und Abenteuern der Matrosen anhören. Es gibt
eine Geschichte, die mich sehr bewegt, sie ist wie die Sage vom Wächter
des
Herculaneum. Ein Kreuzer der US-Navy wurde nach Rio de Janeiro
beordert (es war noch vor der Zeit der drahtlosen Telegraphie). Der
Hafen stand unter Quarantäne und das Schiff mußte zehn Meilen weit
draußen auf See bleiben. Trotzdem schaffte es das Gelbfieber irgendwie
an Bord zu kommen. Die Männer starben einer nach dem anderen. Es gab
keine Möglichkeit Washington eine Nachricht zukommen zu lassen. Und,
wie sich später herausstellte, hatte das Marine-Ministerium die
Existenz des Schiffes komplett vergessen. Keine Anweisungen kamen, der
Kapitän verharrte drei Monate auf seinem Posten. Drei Monate voller
Einsamkeit und Tod! Zum Schluß konnten sie einem vorbeifahrenden
Kreuzer ein Lichtsignal zukommen lassen, und das Schiff wurde in
freundlicheres Gewässer gebracht. Ohne Zweifel ist die Geschichte eine
Lüge. Aber machte das die Erzählung weniger spannend, bei der der alte
Halunke herumsaß, spuckte und Tabak kaute? Nein, wir werden natürlich
hinunter zu den Kais gehen, um uns die Haare zu Berge stehen zu lassen.
Es gibt wirklich einen größeren Spaß im Leben, als ins Kino zu gehen,
wenn man die Realität (wahr) zu nehmen weiß.
Jedes Ereignis des Lebens hat seine eigene Schönheit. Das Wahre wie
das Falsche, das Weise wie das Dumme, all das ist eins im Auge dessen,
der alles ohne Ambitionen oder Vorurteile betrachtet. Das Geheimnis
scheint aber nicht im Zurückziehen von der Welt zu liegen (lügen),
sondern darin, sich einen Teil seiner Selbst unschuldig, seelig und
abgeschottet von dem Selbst zu bewahren, welches in Kontakt mit dem
Rest
des Universums steht. In anderen Worten, in einer Trennung von dem was
ist und erkennt, von dem, was handelt und leidet. Und die Kunst dies zu
vollführen, ist wirklich die Kunst ein Künstler zu sein. In der Regel
ist dies ein Geburtsrecht, es kann vielleicht durch beten und fasten
erlangt werden, aber ziemlich sicher nicht erkauft.
Aber wenn Du es nicht hast, ist der beste Weg, es oder etwas
ähnliches zu erhalten, Dein Leben komplett diesem Ziel zu widmen,
täglich sechs Stunden im Alten Absinthe Haus zu sitzen, am eisigen Opal
zu nippen, auszuharren bis alle Dinge vor Deinen Augen undeutlich
werden, Du mit ihnen, bis Du wie ein Gott wirst, in Kenntnis von Gut
und Böse, und daß sie nicht zwei verschiedene Dinge sind, sondern nur
eines.
Es kann eine ganze Weile dauern, bevor sich der Schleier hebt, aber
die Erfahrung einen Moment die Sicht des Künstlers zu haben, ist
unzählige
Martyrien wert. Es löst jedes Problem des Lebens und des Todes, die
beide auch eins sind.
Es verwandelt dieses Universum in verständliche Begriffe,
verbindet wahrhaft das Ego mit dem Nicht-Ego, und gestaltet die Prosa
des Verstandes zum Gedicht der Seele um. So wie das Auge des Bildhauers
sein Meisterwerk schon in der formlosen Marmor-Masse als Existent
betrachtet, welches nur noch der freundlichen Güte des Meißels bedarf
um den Schleier der Isis abzuschneiden, so wirst (vielleicht) auch Du
lernen, die Summe und den Gipfel aller Anmut und Herrlichkeit in diesem
großen Observatorium zu erblicken, dem Alten Absinthe Haus von New
Orleans.
| V'la, p'tite chatte; c'est fini, le Travail. Foutons le camp! |
| ( Es lebe die kleine Katze, die Arbeit ist beendet, auf ins Bett! ) |